2018

PAD/ZfA
Georgien

Das Schwarz-Weiß-Denken einfach mal stoppen

Bei ihrem sechsmonatigen FSJ in Georgien lernte Rosalie nicht nur, was georgische Lebensfreude bedeutet, sondern auch, wie schnell sich die Sicht auf das Eigene und das Fremde ändern kann.

Blick über Tiflis Beim Einkaufen Berglandschaft in Georgien Winterlandschaft in Georgien

„Wie war’s?“

„Und? Wie war’s?“ Tja, wie war es denn eigentlich? Seit meiner Rückkehr nach Deutschland versuche ich, auf diese eine Frage, die mir ständig gestellt wird irgendwie eine Antwort zu finden. Eine ziemlich simple Frage ist das. Eine ziemlich simple Frage, auf die ich so keine Antwort geben kann.

Sechs Monate in einem fremden Land mit einer mir völlig unbekannten Sprache, zum ersten Mal in einer WG leben, zum ersten Mal wirklich für mich selbst sorgen, nicht mehr auf der Schüler*innenseite sitzen, sondern plötzlich vor der Klasse stehen. Das sind zu viele erste Male, als dass man sie auf eine kurze knappe Antwort herunterbrechen könnte.

Und wenn ich es doch müsste, so würde ich auf jeden Fall sagen, dass es eine unglaubliche Zeit mit Höhen und Tiefen war und dass ich es immer wieder machen würde. Die vergangenen sechs Monate werden mich wahrscheinlich noch lange begleiten und in meinen Entscheidungen beeinflussen.

Mein Gepäck ist leicht und doch nehme ich so viel mit zurück

Ich möchte ehrlich sein. Als ich erfahren habe, dass ich für mein FSJ sechs Monate in Georgien verbringen würde, konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Mir ging es so, wie wahrscheinlich den meisten, wenn sie von dem Land hören. Wo liegt das überhaupt? Welche Sprache spricht man da? Und dann immer die Frage, wie sehr es sich eigentlich von Deutschland unterscheidet. Heute finde ich diese Frage absolut falsch. Zumindest, solange man sie so formuliert und so tut, als sei Deutschland das Maß aller Dinge.

Anfangs habe ich mich oft dabei erwischt, wie ich alles mit Deutschland verglichen habe – „Bei uns ist das aber so…“ oder „In Deutschland ist das ganz anders“. Dass das wahrscheinlich völlig normal ist und ich das aber schnell abgelegt habe, ist mir aufgefallen, als ich Besuch von zu Hause bekommen habe. Ich war positiv überrascht, wie sehr sich meine Sicht auf die Dinge in so kurzer Zeit verändert hat. Vermutlich würde ich so weit gehen, zu sagen, dass ich die Stadt mit anderen Augen verlassen habe.

Dinge, die mir anfangs völlig fremd waren, wie die Straßenhändler mit ihren Gewürzen und Nüssen, die vielen Straßenhunde, die Marschrutki (Anm. d. Red.: Kleinbusse) oder die Tatsache, dass man auf den Straßen Autos sah, die zu etwa gleichen Teilen ihr Steuer links und rechts hatten, waren mir am Ende völlig vertraut. So auch die Gastfreundschaft und Spontanität. Und dafür muss man das Schwarz-Weiß-Denken einfach mal stoppen und alles so nehmen, wie es kommt. In Deutschland läuft sicher nicht alles „richtig“, in Georgien auch nicht. Aber man kann voneinander lernen. Und aus Georgien nehme ich sehr viel mit – insbesondere Herzlichkeit und Lebensfreude.

Ein „lachendes“ Land

Mein knappes halbes Jahr habe ich an einer staatlichen Schule in der Hauptstadt Tbilisi (Anm. d. Red.: Tiflis) verbracht. Hier durfte ich viel im Unterricht helfen und nebenbei drei Projekte am Nachmittag leiten. Unter anderem die Vorbereitung auf den internationalen Lese- und Diskutierwettbewerb „Lesefüchse International“. Ich möchte gerne aus einem Brief, den einige dieser Schüler*innen am Ende für mich geschrieben haben, zitieren: „Für uns ist es ungewöhnlich, wenn jemand viel lächelt und es war sehr nett von dir, dass du mit uns immer positive Emotionen ausgetauscht hast“.

Viele Georgier*innen sind es nicht gewöhnt, wenn Ausländer*innen so viel lachen wie sie. Man hat wirklich das Gefühl, es sei ein rundum „lachendes“ Land. Und das finde ich so bemerkenswert. Georgien wurde in der Geschichte immer wieder belagert, zerstört, neu aufgebaut. 2008 herrschte zuletzt Krieg und immer noch gibt es Gebiete, die unter Kontrolle der russischen Regierung sind. Doch die Einwohner*innen lassen sich ihr Lachen und ihre Lebensfreude nicht nehmen und empfangen weiterhin jeden Gast mit offenen Armen. „Wir kämpfen bis zum Schluss. Wir sind stark“, waren die Worte einer Deutschlehrerin meiner Schule.