2017

DAI
Athen

Anarchisten und Antike

In ihrem Freiwilligendienst lernte Maria neben der archäologischen Arbeit am Deutschen Archäologischen Institut auch eine Menge über die Gegenwart Griechenlands.

Begleitet mich auf meinem Arbeitsweg und macht mit mir einen kleinen Spaziergang durch das moderne und antike Athen.

Zuhause in Exarcheia

Wenn ich aus meiner Haustür trete, befinde ich mich in Exarcheia, einem autonomen und anarchistischen Viertel im Norden Athens. Es ist sehr bunt – buchstäblich, denn alle Häuser sind besprüht und bemalt mit Street Art, die häufig auf politische Entwicklungen oder soziale Umstände anspielt oder sie kommentiert. Mein Weg führt mich erst zum archäologischen Nationalmuseum, in dem wunderschöne, weltberühmte Objekte ausgestellt sind. Anschließend komme ich am Polytechnio, der technischen Hochschule, vorbei. Dies war der Ort der Aufstände gegen die Militärdiktatur (1967–1974). Student*innen protestierten und besetzten die Hochschule 1973, woraufhin sie vom Militär blutig gestürmt wurde. Dies markierte den Beginn der internationalen Proteste gegen die Militärjunta, in deren Folge sie fiel.

Um die Ecke liegt ein weiterer Erinnerungsort moderner griechischer Geschichte. Hier wurde am 6. Dezember 2008 der 15- jährige Alexandros-Andreas Grigoropoulos von Polizisten erschossen, was landesweite Demonstrationen auslöste. Der Ort ist leicht zu erkennen, denn zu seinem Andenken legen Menschen noch heute Blumen an diesem Ort nieder und veranstalten am Jahrestag Demonstrationen.

Vorbei am Navarinou Park

Eine Straßenkreuzung weiter liegt der Navarinou Park. Die Bürger Exarcheias brachen hier im März 2009 den Asphalt eines Parkplatzes auf, um Bäume und Büsche zu pflanzen und ihn in eine kommunale Platz- und Gartenanlage umzuwandeln. Hier werden Tomaten angebaut, Versammlungen abgehalten, Theaterstücke aufgeführt und Kinder spielen auf einem Spielplatz. Die Wandmalerei eines cellospielenden Katers überblickt das Geschehen. Regisseurin Stella Hüneke drehte einen Dokumentarfilm zum Ort.

Im Deutschen Archäologischen Institut (DAI) Athen angekommen, einem neoklassizistischen Gebäude, das der berühmte Archäologe Heinrich Schliemann im 19. Jahrhundert bauen ließ, steige ich den eindrucksvollen Treppenaufgang hinauf. Zwar wurde ich während meines Studiums der Archäologie fachlich gut vorbereitet, dennoch war ich sehr gespannt darauf, wie der Arbeitsalltag der Archäolog*innen im DAI Athen ablaufen würde

Das DAI Athen führt sehr viele unterschiedliche Projekte und Ausgrabungen durch und ist in verschiedene Abteilungen aufgeteilt. In einigen dieser Abteilungen durfte ich mitarbeiten und konnte Einblicke in verschiedene Arbeitstätigkeiten von Archäolog*innen gewinnen.

Halbportrait von Maria. Im Hintergrund Athen bei Sonnenuntergang Foto einer antiken, griechischen Stätte Bild des beschriebenen Spielplatzes in Athen Maria und anderer Freiwilliger vor einer antiken griechischen Ruine aus Stein

Arbeiten im Kerameikos

Im Kerameikos, einem antiken Töpfer- und "Partyviertel" am nördlichen Rand der antiken Stadtmauer, wirkte ich über zwei Monate im Team des DAI mit. Sehr viel Keramik und andere Kleinfunde wurden hier während den Ausgrabungen der letzten Jahre gefunden. Ich war ebenfalls dabei, als zwei antike Brunnen mithilfe eines 3D-Scanners aufgenommen wurden. Der eine Brunnen gehörte zu einem Orakelheiligtum des Apollon, der andere war über 1000 Jahre in Benutzung, was wohl an der Quelle am Grund des Brunnens lag, die bis heute weiterhin munter vor sich hin sprudelt. Mit diesem Wasserreservoir hat sich das DAI die letzten Jahre eingehend beschäftigt und förderte während der Grabungskampagnen daraus unzählige Scherben zutage. Wir hofften auf vollständige Gefäße und begannen mit der minutiösen Arbeit des Zusammensetzens der Scherben, um ihre ursprüngliche Form wiederherzustellen.

Über vier Monate hinweg gewann ich außerdem Einblicke in die hauseigene Redaktion, die Fachzeitschriften und –bücher herausgibt. Zu meinen Aufgaben gehörten die Erstellung von Layouts, Bildbearbeitung, Recherche sowie die Redaktion von Artikeln. Ich lernte hier sehr viel über verschiedene Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop und InDesign sowie über den Ablauf des Herausgebens von Texten. Das DAI beherbergt zusätzlich eine Fotothek, in der die Negative von Fotografien der letzten hundert Jahre aufbewahrt werden. Sie werden heutzutage digitalisiert, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hier habe ich Informationen über die Bilder recherchiert, was bedeutete, dass ich erkennen musste, was genau abgebildet oder ob und wo das Abgebildete publiziert worden ist. Diese Informationen habe ich anschließend in einer Datenbank mit den Bildern verknüpft.

Vergangenheit und Gegenwart

Athen besitzt eine über zweieinhalbtausend Jahre lange Geschichte und als Mittler zwischen dem antiken und dem modernen Athen stehen die Archäolog*innen. Obwohl wir in der Gegenwart arbeiten, beschäftigen wir uns gleichzeitig mit Fragen, die die Menschen von damals betreffen. Wie haben sie gelebt? Welche Probleme hatten sie und wie gingen sie damit um? Also versuchen wir, historische Themen so interessant und spannend wie möglich zu gestalten, um den Menschen heute dieses Wissen zu vermitteln.

In meinem kulturweit Freiwilligendienst habe ich also nicht nur viel über die alte Geschichte der griechischen Hauptstadt gelernt, sondern auch über ihre Gegenwart.