3 Fragen für
Agnesa Schmudke

Freiwillige in Santiago de Chile

Agnesa Schmudke

3 Fragen zu Global Citizenship

Wir leben in einer global vernetzten Welt, die wirtschaftlich, ökologisch und auch sozial so verschränkt ist wie nie zuvor. Aber wie ist es um unser globales Selbstverständnis bestellt?

Die Vereinten Nationen formulieren Global Citizenship als ein zentrales Bildungsziel der Nachhaltigkeitsagenda 2030. Darüber, was es heißt, Global Citizen zu sein, sprachen wir mit Agnesa Schmudke, die als kulturweit-Freiwillige ein Jahr lang den Deutschunterricht am Instituto Nacional in Santiago de Chile unterstützt hat.
 

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Agnesa, was bedeutet Global Citizenship für Dich?


Agnesa: Für mich ist Global Citizenship eine Frage von Zugehörigkeit: Wie stark fühle ich mich an Grenzen gebunden, fühle ich mich als Deutsche, oder ist es mehr als das? Ohne dem Ganzen einen Namen geben zu können, hat mich dieses Gefühl schon früh beschäftigt. Ich wurde als Ukrainerin geboren und als sich meine Eltern entschieden haben, nach Deutschland zu ziehen, habe ich die ukrainische gegen die deutsche Staatsbürgerschaft eingetauscht. Ich war danach zwar dieselbe Person, hatte aber ganz neue Möglichkeiten. Wenn ich damals gefragt wurde, ob ich Deutsche sei, konnte ich damit nichts anfangen und habe gesagt, ich bin Europäerin. Und heute, nachdem ich noch mehr von der Welt sehen und einen Freiwilligendienst in Chile leisten konnte, hat sich das noch einmal verändert. Ich verstehe meine Rolle und Verantwortung in unserer globalisierten Welt jetzt besser und sehe mich ein Stück weit als Global Citizen.

"Ich habe gelernt, dass wir Grenzen überwinden können.
Nicht nur politische, auch zwischenmenschliche."

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Welche Verantwortung bringt es mit sich, Weltbürgerin zu sein?


Agnesa: Zunächst muss ich mir bewusst machen, welche Freiheiten ich genieße, um mich überhaupt als Weltbürgerin verstehen zu können. Etwa die Freiheit zu reisen. Freiheit und Verantwortung gehen aber Hand in Hand. Wenn ich die Möglichkeit habe, in ein anderes Land zu gehen, dabei betreut zu werden und großartige Dinge zu lernen, muss ich mich dafür einsetzen, dass auch andere Menschen diese Erfahrung machen können. Und ich muss mich für mehr Austausch stark machen, auch in Deutschland. Wenn hier und in vielen anderen Ländern ein neuer Nationalismus entsteht und darüber diskutiert wird, Grenzen zu stärken, die über Jahrzehnte abgebaut wurden, kann ich nicht so tun, als ginge mich das nichts an. Ich kann in meinem Freundeskreis, in meiner Familie aber auch darüber hinaus auf Menschen zugehen, meine Erfahrungen, die ich mit kulturweit und auf anderen Reisen sammeln durfte, mit ihnen teilen und versuchen Ängste abzubauen, aus denen sich diese Debatten speisen.
 

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Hat der Freiwilligendienst deinen Blick auf die Welt verändert?


Agnesa: Ja, absolut. Mir ist noch einmal klar geworden, wie stark ich mit anderen Menschen verbunden bin. Mit meinen Freundinnen und Freunden in Chile, weil ich mit ihnen viele Wünsche und Ziele teile, aber auch mit anderen, die ich gar nicht kenne. Von Konsum bis Klima gibt es Fragen, die uns als Weltgemeinschaft betreffen, und unsere Antworten darauf beeinflussen Menschen in allen Teilen der Erde. Die Zeit mit kulturweit hat mir da wichtige Impulse gegeben. Sie hat mir auch den Anstoß gegeben, mir immer wieder Fragen zu stellen: nach meiner Rolle als Freiwillige, die kaum älter ist als die Schüler, die sie unterstützt, nach meiner Rolle als Deutsche in Chile und heute nach meiner Rolle in unserer Gesellschaft. Wenn ich auf Menschen zugehe, versuche ich das mit einer neuen Sensibilität. Ich versuche sie zu verstehen, wenn ich mit ihnen ins Gespräch komme. Das hilft mir, eine offene Haltung zu bewahren und sie auch zu zeigen. Ich habe gelernt, dass wir Grenzen überwinden können. Nicht nur politische, auch zwischenmenschliche.