2011

PAD/ZfA
Albanien

Von Lek und Leuten

Amelie Firsching war sechs Monate mit PAD/ZfA in Tirana.

Ich dachte immer, ich sei albern, aber die sind hier noch Albaner

Seit zwei Wochen bin ich nun in der Hauptstadt eines europäischen Landes, in dem es weder MC Donalds noch Ikea gibt, dafür aber unzählige Bunker, Orangenbäume und wohlschmeckenden Kaffee.  

Kaum in Tirana angekommen, erhielt ich viele hilfreiche Empfehlungen. Besonders wurden mir Schafskäseschnecken bei einem Bäcker um die Ecke ans Herz gelegt. An meinem ersten Arbeitstag führte mich mein Weg daher zu einer freundlichen Bäckersfrau, die nach einigen pantomimischen Kunsttücken meinerseits die ersehnte Käseschnecke auf den Tresen legte und mir den Preis nannte. Dies wiederum stellte mich vor zweierlei Probleme: Zum einen scheinen die "Shqipetaren", wie sich die Einwohner Albaniens selbst nennen, ihre Währungsreform im Alltag nicht anzuerkennen. Im Zuge dieser Währungsreform wurde eine Null gestrichen, so dass 1000 neue Lek dem Wert von 10.000 alten Lek entsprechen. Auf Preisschildern und bei mündlich genannten Preisen wird dies jedoch nicht eingehalten. Man kauft also beispielsweise ein Brot, das eigentlich nur 100 Lek kostet, der genannte Preis lautet aber 1000 Lek. Schon albern, dieses neue und alte Leksystem.

sechs Monate kein allmorgendliches Nutellabrot

Nun gut, da ich die Zahlen zu diesem Zeitpunkt sowieso noch nicht konnte, wollte ich der Verkäuferin einfach einen neuen 5000 Lek Schein (40 €) geben, den mir der Automat am Vortag ausgespuckt hatte. Womit ich mich mit dem nächsten Problem konfrontiert sah: Mit einem 5000 Lek Schein zu bezahlen, ist in den kleinen Geschäften ein Ding der Unmöglichkeit. Die Bäckerin machte mir verständlich, dass ich die Käseschnecke einfach so mitnehmen solle. Ich schloss sie augenblicklich in mein Herz und die nächsten sechs Monate wird es kein allmorgendliches Nutellabrot geben, sondern eine Käseschnecke. Den täglichen Einkauf verbinde ich jeweils mit einem neuen Satz, den ich lerne und mit meiner Bäckerin austausche. Morgen möchte ich herausfinden, wie die Käseschnecke auf Albanisch eigentlich heißt. 

Amelie beim Vorbereitungsseminar am Werbellinsee

Wegweiser und Steinmännchen

Mein Leben hier besteht aber nicht nur aus Bäckereibesuchen. Ich verbringe meine Zeit auch mit Reisen nach Kroatien, bisher mindestens einem Feiertag pro Woche, und natürlich mit der Arbeit an meiner Einsatzstelle, dem Fremdsprachengymnasium. Unter anderem organisiere und betreue ich einen im Mai anstehenden Schüler*innenaustausch bei dem deutsche Schüler*innen nach Albanien kommen. Für diese Zeit überlege ich mir unterschiedliche Aktivitäten. Während einer Wanderung mit einigen Lehrern fiel auf, dass die Wanderwege hier eher spärlich gekennzeichnet sind. Auf 1200 Höhenmetern begegneten uns nur zwei Hinweisschilder. So entwickelten wir die Idee, den nicht unkomplizierten Weg mit Steinmännchen zu markieren, einigen übereinander gestapelten Steinen, die in Westeuropa eine bekannte Markierung für Wanderwege sind. Dies erschien mir doch die perfekte Aufgabe für die deutschen und albanischen Schüler*innen für einen Austausch, der von dem Leitthema Tourismus geprägt sein soll.

Dieser geniale Einfall erhielt jedoch einen kleinen Dämpfer. Beim Lesen eines Buches des albanischen Autors Ismail Kadare begann ich zu überlegen, ob das Bauen von Steinmännchen angemessen sei. In dem Buch wird beschrieben, dass in Nordalbanien nach einem Blutrachemord eine sogenannte Murana aufgebaut wird um den Getöteten zu ehren. Die Murana besteht aus aufeinandergestapelten Steinen. Ich beschloss daraufhin mit den Schüler*innen lieber Farbmarkierungen als Steinmännchen zu bauen.

Die ersten Wochen hier in Tirana waren sehr erfrischend und mittlerweile ist vieles schon normal geworden: die wunderschönen bunten Häuser, der verrückte Straßenverkehr, in dem gelegentlich auch Kühe und Esel zu finden sind und die Herzlichkeit der Menschen. Der erste Eindruck hinterlässt das Gefühl in mir, dass es sich hier das nächste halbe Jahr gut leben lässt.