2014

Deutsche Welle

Russland

Vom Kreml bis zur Datscha am Rande der Stadt: Moskau zwischen den Extremen

Charlotte Bolwin war für sechs Monate bei der Deutschen Welle in Moskau.

Sprichst du denn Russisch?

Diese Frage ist die wohl häufigste Reaktion auf mein Vorhaben, ein halbes Jahr in der größten Stadt "Europas" zu leben. Und Ausdruck einer ersten Barriere mit Hinblick auf das so fern empfundene, große Russland, das eigentlich nur so weit von Berlin entfernt ist wie Barcelona. Mit kulturweit gehe ich nach Russland, um im Moskauer Studio der Deutschen Wellen, dem staatlichen Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland, als Freiwillige zu arbeiten. Meine 80 Jahre alte Großmutter lernte in der Schule noch Russisch. Sie schweigt bedeutungsschwer, als ich ihr von meinem "Glück" erzähle, mit kulturweit einen Traum wahr machen zu können. Am Ende meiner Zeit werde ich einem Touristen auf Russisch den Weg erklären können.

Im März 2014 erwarten mich sechs spannende und eindrucksvolle Monate in Moskau, der größten russischen Metropole; wirtschaftliches, kulturelles und politisches Zentrum des Landes. Moskau ist eine Stadt der Kontraste.Die Agglomeration ist ein riesiger Ballungsraum, in dem rund 15 Millionen Menschen leben; Arm und Reich, Jung und Alt, die hier wohnen oder zum Arbeiten täglich in die Stadt strömen. Hinzu kommen Touristen aus der ganzen Welt, die zwischen Rotem Platz und Bolschoi Theater darauf hoffen, Russland zu entdecken.

Als ich Anfang März am Moskauer Flughafen Domodedovo lande, liegt Schnee und eine Nachricht geht um die Welt: Russische Truppen haben die Ukrainische Halbinsel Krim annektiert. In den kommenden Wochen und Monaten steht Russland im Fokus europäischer Diplomatie. Zwischen Propaganda der russischen Staatsmedien, Nachrichten aus Europa und in Gesprächen mit meinen Freunden und Bekannten zu Hause und vor Ort fällt es mir schwer, ein übersichtliches Bild dessen zu zeichnen, was sich gerade vor meinen Augen ereignet. Jenseits des aufkochenden Konflikts und dem Aufkommen antiquierter Ost-West-Diskurse und wachsenden Spannungen auf internationaler Ebene, erfahre ich Moskau ganz persönlich und bin begeistert von der Vielfalt, der Architektur, den prachtvollen Palästen der Moskauer Metro, der Geschichte der Stadt und der Gastfreundlichkeit, die ich hinter Sprachbarrieren und unerwiderten Grüßen entdecke.

Blick über Moskau Blick über Moskau

Für mich ist es besonders spannend, europäische und russische Medien parallel zu verfolgen

Moskau ist eine Stadt, die mich oft atemlos macht. Wenn ich mit 15 Millionen Menschen in der Rushhour in die U-Bahnen ströme, wenn ich an achtspurigen Auto-Ringen in der sengenden Julisonne entlang laufe, bei 40 Grad die Vorstadt mit ihrer Monumentalität jenseits der schönen Kreml-Silhouette erkunde, eine beispiellose Kraftdemonstration des Kreml im Zuge der alljährlichen Militärparade stattfindet oder aber, wenn ich in einem der unzähligen Museen vor russischer Kunst staune. Meine Zeit als kulturweit-Freiwillige ist geprägt von diesen Gegensätzen; von einem Alltag zwischen Studio und Entdeckungstouren, von der Architektur einer Metropole, von der Sprache, den Menschen und vom politischen Tagesgeschehen, das ich in meiner Einsatzstelle täglich live mitverfolgen kann. Dabei ist es für mich besonders spannend, europäische und russische Medien parallel zu verfolgen.

Unter dem Prisma europäischer Standards und westlicher Werte betrachtet, sind die russische Gesellschaft und die politische Situation für mich oft unverständlich, widerständig und frustrierend. Für mein Freiwilligenprojekt im Rahmen meines Russlandaufenthaltes fahre ich nach Sankt-Petersburg: In einer Reportage möchte ich über eine Nichtregierungsorganisation (NGO) berichten, die sich für die Rechte homo- und transsexueller Menschen einsetzt. Kurz nach unseren Gesprächen fällt diese Organisation ebenfalls dem "Agentengesetz" anheim und wird geschlossen. Solche Nachrichten gibt es viele. Sie spiegeln das System Putin wieder, dem Pluralismus und Toleranz oft zum Opfer fallen.

Da man in Russland tatsächlich nicht weit kommt, ohne die Sprache zu beherrschen, betrachte ich es als meinen ganz persönlichen Bildungsauftrag, in meiner Zeit in Moskau so viel Russisch zu lernen, wie möglich. So verbringe ich viel Zeit in der Sprachschule, in der ich auch verschiedene Menschen kennenlerne, die es aus unterschiedlichsten Gründen nach Moskau gezogen hat. Neben Reisen nach Sankt-Petersburg und Riga ist ein persönlicher Höhepunkt meiner Zeit ein Ausflug auf die Datscha in Sergejew Possad, zu dem ich über die Osterfeiertage eingeladen werde. Für einige Tage entfliehen wir dem Trubel Moskaus auf das nahe Umland. Mit dem Zug nur eine Stunde von Moskau entfernt, erwarten uns Birken und holzverkleidete Ferienhäuser mit Gemüsegärten und Obstbäumen.

ich werde diese aufregende Stadt vermissen

Als ich im August wieder meine Koffer packe und mich von der alten Dame verabschiede, bei der ich ein Zimmer im Zentrum der Stadt gemietet habe, bin ich voll von Erfahrungen, Bildern und Gedanken. Ich werde diese aufregende Stadt vermissen, in der ich anfangs nicht mal eine Fahrkarte kaufen konnte, und in der ich mich durch meine Einsatzstelle und viele geknüpfte Kontakte sehr wohl gefühlt