2014

UNESCO-
Nationalkommission
Mexiko

Großstadtkind? Perspektivwechsel!

Sechs Monate arbeitete Wendy König in der UNESCO-Nationalkommission von Mexiko-Stadt.

Groß, laut, voll, bunt. Mit seinen rund 20 Millionen Einwohnern leben in der Megametropole Mexiko-Stadt fast sechsmal so viele Menschen wie in dem Dorf, aus dem ich komme. Nach einem halben Jahr in einer der größten Städte der Welt, kommt mir meine Heimat Berlin nicht nur unglaublich klein, sondern auch bemerkenswert leise, vor allem aber leer vor. Hätte mich beispielsweise vor und nach meinem kulturweit-Freiwilligendienst jemand gefragt, wie viele Menschen in einem U-Bahn-Wagon Platz finden, hätte sich die Antwort in diesen sechs Monaten um ein immenses vervielfacht.

Ein kleines Abenteuer

Warum? Was sich in Berlin als recht unspektakulär gestaltet, gleicht in Mexiko-Stadt einem kleinen Abenteuer. Beim Weg zur Arbeit mit der U-Bahn während der Rushhour gilt die erste Herausforderung den Wagon überhaupt zu betreten. Ist dies - vielleicht nach einem, vielleicht nach fünf überfüllt vorbeiziehenden Zügen - gelungen, heißt es Luft anhalten und Ohren auf. Die mit jeder Station wechselnden Verkäufer*innen versuchen lauthals ihre Produkte an Mann und Frau zu bringen. Angefangen bei Kaugummis, über selbst gebrannte CDs (inklusive Kostprobe durch portablen Ghettoblaster) bis hin zu Thrombosestrümpfen, ist das Angebot beeindruckend vielfältig.

Jede Station denke ich "jetzt passt hier aber wirklich niemand mehr rein", woraufhin sich weitere fünf Menschen den Wagon quetschen. Mindestens genauso schwierig wie das Betreten gestaltet sich das rechtzeitige Verlassen der Bahn. Computergesteuerte, automatisch schließende Türen nehmen keinerlei Rücksicht auf die Menschenmassen. Dementsprechend "energisch" gestaltet sich das Betreten und Verlassen der Züge und entsprechend erhöht war jedes Mal meine Adrenalindosis kurz vorm Öffnen der Türen.

Aber nicht nur auf dem Weg zur Arbeit war das Großstadtfeeling präsent: Die Möglichkeiten in Mexiko-Stadt seine Freizeit zu gestalten, sind so vielfältig wie die Menschen, die in ihr leben. Am Wochenende kann man zum Beispiel mit dem Fahrrad über die fast 15 Kilometer lange gesperrte Hauptstraße Paseo de la Reforma düsen, einen Spaziergang durch die größte urbane Grünfläche Lateinamerikas, dem Chapultepec Park machen, sich im wunderschönen Bezirk Coyoacán auf den Spuren der Künstlerin Frida Kahlo bewegen und dabei den besten Kaffee der Stadt genießen, den Fernsehturm erklimmen und sich das ganze Getümmel einmal von oben ansehen oder eines der über hundert spannenden Museen der Stadt besichtigen - um nur einige Beispiele zu nennen. Große Stadt, große Möglichkeiten.

Die Mexikanische UNESCO-Nationalkommission

Mein letzter Arbeitstag in der mexikanischen UNESCO-Nationalkommission, die ihren Sitz im mexikanischen Bildungsministerium hat, endete, wie der erste begann: Mit einem gesperrten, von Sicherheitspersonal umringten Haupteingang des wunderschönen historischen Gebäudes und mit lautstark gegen die neue Bildungsreform protestierenden Lehrern.

Abgesehen von dieser Gegebenheit glich der erste dem letzten Tag jedoch mit Nichten. Was mit einem noch recht steifen Begrüßungsfrühstück mit den neuen Arbeitskollegen begann, endete mit einem ausgedehnten, wunderschönen Abschiedsessen mit Menschen, die bereits viel mehr als nur Mitarbeiter waren - inklusive Geschenken, vielen Tränen und wertschätzenden Worten. Anfängliche Empfindungen, wie Unsicherheit und Unbehagen, hatten sich schnell gelegt. Dabei half mir insbesondere die Herzlichkeit und Offenheit meiner Kollegen. Auch die zu Beginn noch schwer fallende Redaktion von offiziellem Schriftverkehr der Komission, das Übersetzen von Texten und insgesamt die tägliche Kommunikation bei der Arbeit, ging mir nicht nur mit jedem Tag leichter von der Hand, sondern machte auch umso mehr Spaß, desto mehr ich von den komplexen Themen und Arbeitsweisen verstand. Neben der Teilnahme an spannenden Veranstaltungen zu Kultur und Bildung, bekam ich einen Einblick in die Arbeit des Ministeriums und konnte beispielsweise hautnah miterleben wie sich die Sicherheitsstandards verschärfen, wenn der Präsident dem Ministerium persönlich einen Besuch abstattet, um über die neue Bildungsreform zu sprechen.

Wendy König vor Maya Tempeln in Mexiko Skyline von Mexiko-Stadt

Nahuatl – eine andere Perspektive auf mexikanische Geschichte

Bei der Wahl meines im kulturweit-Programm enthaltenen Sprachkurses in einer Landessprache entschied ich mich für eine weniger offensichtliche Option als Spanisch. Nach meinem jahrelangen Studium ebendieser Sprache hielt sich die Lust auf einen weiteren Kurs in Grenzen. Trifft sich gut, dass Mexiko mit über 60 registrierten Nationalsprachen zu den Ländern mit den meisten indigenen Sprachen überhaupt zählt. Nahuatl, die Sprache für die ich mich entschied, ist mit geschätzten 1,5 Millionen Sprechern nach Spanisch die meist gesprochene des Landes. Mein Kurs, der nicht nur Sprach- sondern auch Kulturunterricht beinhaltete, war eine unglaublich große Bereicherung und hat mich abermals gelehrt, dass Geschichte immer ein Konstrukt jener Menschen ist, die sie geschrieben haben. Die Spanier haben die Piktogramme und die Sprache der so genannten Mexicas mit ihrem Wissens- und Erfahrungshorizont übersetzt und interpretiert. Heute sind genau diese Interpretationen in den Museen als "Wahrheiten" dargestellt. Unser Nahuatl Lehrer hat uns einen gänzlich anderen Blickwinkel eröffnet und uns dabei nicht selten vor Staunen den Mund offen stehen lassen.

Allgegenwärtige Vielfalt

Dank der dreiwöchigen Weihnachts-/Neujahrspause des Ministeriums blieb freudigerweise Zeit, um zumindest einen Teil des riesigen Landes kennen zu lernen. In Mexiko ist man permanent umgeben von kulturellen und naturellen Schätzen: Nicht selten kann man an ein und demselben Ort Kulturschätze aus unterschiedlichsten Epochen, umgeben von Mexikos atemberaubender Natur begutachten. Wie zum Beispiel am "Platz der drei Kulturen" in Mexiko-Stadt, wo sich eine Pyramide, eine Kirche und ein Neubau gegenüberstehen und im Hintergrund die Vulkane in die Höhe ragen. Mexiko ist ein in jeglicher Hinsicht diverses Land: Von atemberaubenden Pyramiden und präkolumbianischer Kunst, die zum Teil mehr als 2000 Jahre alt sind, über prunkvolle Kirchen und bunte Kolonialstädte aus der Zeit der spanischen Eroberung, bis hinzu Wandgemälden aus den Jahren der Unabhängigkeitskämpfe und der Suche nach einer eigenen Identität, ist alles zu finden. Wasserfälle, Vulkane, Zugänge zu Pazifik und Atlantik, Tannenwälder, Wüsten, Sandstrand und Lagunen geben dem ganzen einen einzigartigen Rahmen. Wen wundert es da noch, dass das Land Spitzenreiter Lateinamerikas auf der UNESCO-Weltkultur- und Naturerbe Liste ist?

Mit jedem Ort den ich in Mexiko bereist habe, mit jedem Menschen den ich traf, erweiterte sich mein Horizont. Durch diese Begegnungen und den Austausch von Ideen und Vorstellungen gewann ich neue Ansichten. Mit jeder Herausforderung wuchsen meine Fähigkeiten. Mit jeder Erfahrung relativierte sich ein kleines bisschen mein Weltbild - und hoffentlich ebenso das meines Gegenübers. Mein Aufenthalt in Mexiko war mit all seinen Facetten unglaublich bereichernd.