Frequenzsuche in Armenien — Anush

Auch im Freiwilligendienst kehrt irgendwann der Alltag ein. Gegen ereignislose Tage hilft oft ein Perspektivwechsel oder, wie bei Paula Preuß, sechs Monate Freiwillige an einer Schule in Armenien, eine Marschrutka-Fahrt.

Paula Preuß war 2019 für sechs Monate Freiwillige in der Mittelschule Sardarapat in Armenien.

Man nehme: einen Apfel, ein Päckchen Kaffee, ein Smartphone mit Familienfotos, ein-zwei armenische Redewendungen und den weltbesten Marschrutka-Fahrer. Herauskommt die Rettung meines Donnerstags. Denn der war bis zur Rückfahrt von Sardarapat nach Yerevan mit einem einzigen Wort gut zu beschreiben: Langeweile. Ja, diese Tage gibt es, ich frage mich dann, was als nächstes passieren wird, wann wieder etwas passieren wird. Meistens komme ich zu dem Entschluss, dass wohl ich dafür verantwortlich bin, wie sehr oder wenig ich mich in den kommenden Stunden langweilen werde.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich hatte tolle Begegnungen in der Marschrutka. Nach einer Woche hatte ich endlich mal wieder die Ehre bei Vatschik Fahrgast sein zu dürfen. Er ist der Fahrer, der mich in das Mysterium „MarschrutkaFahren“ eingeführt hat und mit dem ich meine wenigen Armenisch-Floskeln gleich mal im Alltag ausprobieren kann. Fröhliche Begrüßung also, Platznehmen und keine fünf Minuten später hatte ich einen Apfel in der Hand. Das war Geschenk Nummer eins in dieser Stunde. Shat lav. Sehr gut.

Am Straßenrand gegenüber vom Krankenhaus sammeln wir eine ältere Frau ein. Wie sich herausstellt, spricht sie ein klein wenig Englisch und so kommen wir ins Gespräch. Wobei ins Gespräch kommen vielleicht zu viel gesagt ist. Seitdem ich nämlich irgendeine armenische Floskel habe fallen lassen, spricht sie nur noch auf Armenisch und ich verstehe eigentlich nichts. Aber: Sie war schon mal in Dresden! Was für ein Zufall, denn genau dort habe ich gelebt, bevor es auf nach Armenien ging. Warum die Sixtinische Madonna Sixtinische Madonna heißt, möchte sie von mir wissen. Tja, da muss ich passen – leider kenne ich die Geschichte des berühmtesten Gemäldes der Gemäldegalerie nicht. Schade. Dschbartabar. Findet sie auch. Naja, also geht es mit Fotos ihrer und meiner Familie weiter. Dabei fällt mir mal wieder auf, dass wir definitiv mehr Schnappschüsse sammeln sollten.

Und dann kommt Geschenk Nummer zwei: ein Päckchen Kaffee. Nicht irgendein Kaffee, nein Anush-Kaffee. Anush ist wohl die Protagonistin einer der bekanntesten Opern. Da sollte ich mich wohl mal besser informieren. Auf jeden Fall: Shat schnorhakalutyun. Vielen Dank. Und als ob ich nicht schon genug Gastfreundschaft genossen hätte, lässt es sich Vatschik am Ende der Fahrt nicht nehmen, mein Fahrtgeld vehement abzulehnen. Da kann ich nur noch sagen: Tsankanum em hacheli yereko. Ich wünsche noch einen schönen Abend. Und so bin ich am Ende meines Arbeitstages nicht nur ein paar Vitamine, einen guten Kaffee und 400 Dram, sondern vor allem viel Herzlichkeit reicher.