2016

Deutsche Welle Akademie
Bolivien

Bolivien erleben

Mit neuen Radioformaten die indigene Bevölkerung erreichen, das ist Ziel der DW Akademie-Partnerorganisation CEPRA. Saskia Bücker arbeitet hier als erste kulturweit-Freiwillige.

"Habt ihr das mit den Milchprotesten mitbekommen?", fragt Jaqueline in die Runde. Meine Kollegen und ich haben uns wie jeden Morgen auf der Terrasse unseres Büros zum zweiten Frühstück versammelt, um die Themen des Tages zu diskutieren. Ich schlürfe meinen zuckrigen Kaffee und lausche der lebhaften Unterhaltung. Ab und zu stelle ich Nachfragen, die meine Kollegen geduldig beantworten. Zugegebenermaßen verstehe ich noch nicht jedes einzelne Wort, nicht jeden Witz, nicht jede Andeutung. Aber für die Gesamtzusammenhänge reichen meine Spanisch-Kenntnisse aus, und ich lerne jeden Tag mehr – und nicht nur neue Vokabeln, sondern vor allem: über Alltagskultur, Lokalpolitik und die Welt des Radios. 

Ein Sprachrohr für die indigene Landbevölkerung 

Seit Mitte März bin ich hier bei CEPRA, dem "Zentrum für radiophone Produktion und Weiterbildung". Hier bekomme ich mit, was die Menschen in der Region bewegt. CEPRA arbeitet zweigleisig – als alternative Bildungseinrichtung und als Radiostation. Alternativ bedeutet in dem Zusammenhang, dass sich die Organisation seit ihrer Gründung im Jahr 1981 für diejenigen stark macht, die zuvor kaum hörbar waren – die indigene Landbevölkerung in Bolivien. Zum einen organisiert CEPRA Workshops für Radiomacherinnen und –macher. Zum anderen sendet es über das angeschlossene Radio Nachrichtensendungen, Reportagen und Hörspiele. Die Programminhalte werden auf die Zielgruppen zugeschnitten und neben Spanisch auch in den indigenen Landessprachen Quechua, Aymara und Guaraní produziert.

CEPRA möchte damit einen Beitrag zur Demokratisierung von Kommunikation und Medien leisten. Der Medienbetrieb in Bolivien wird dominiert von politischen und wirtschaftlichen Interessen, die Bedarfe der Bürger gerade in den ländlichen Regionen werden von den Medien kaum aufgegriffen. CEPRA sieht sich auch als Übersetzer – es möchte den Menschen die politischen Entscheidungen und Gesetzesthemen näher bringen und verständlich machen.

Genau hier setzen die Journalisten von Radio CEPRA an. So arbeite ich derzeit gemeinsam mit drei Kollegen an einem neuen Projekt mit, bei der eine besonders benachteiligte Gruppe ins Visier genommen werden soll: Frauen. Wie kann CEPRA Sendungsformate entwickeln, welche die Menschen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Themen wie dem Machismo, der strukturellen Benachteiligung von Frauen in Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt sowie stereotypen Rollenbildern anregen? 

 

Saskia beim Redaktionstreffen von CEPRA, dem "Zentrum für radiophone Produktion und Weiterbildung"

Frauen stärken - auf der Suche nach neuen Sendeformaten 

In einer ersten Teamsitzung im Büro kommt, nicht gerade überraschend, heraus: Die Gender-Debatte ist emotional aufgeladen und hochsensibel. Im Büro sitzen drei Frauen und ein Mann, und wir alle haben andere Frauenbilder im Kopf, unterschiedliche Geschichten zu erzählen, sind an verschiedenen Orten des Landes, ja sogar der Welt, aufgewachsen und geprägt worden. Wo fängt die Diskriminierung an? Was bedeutet Gewalt? Zählt die mediale und sprachliche Diskriminierung auch als Gewalt, so wie die körperliche? Gibt es überhaupt Statistiken, die unsere Thesen belegen? Welche Themenfelder sind die wichtigsten, welche Sendungsformate erscheinen sinnvoll, wen wollen wir erreichen und sensibilisieren, wo genau wollen wir als Team ansetzen? Es sind viele Fragen, die auf Antworten warten. 

In der spannenden Debatte stoßen verschiedene Weltbilder aufeinander, und ich spüre mehr als einmal, dass ich auf der anderen Seite der Erdkugel aufgewachsen bin. Genau diese Momente sind es, in denen ich beginne, die enorme Vielfalt von Lebenswirklichkeiten zu begreifen, und vor allem: anzuerkennen und wert zu schätzen. Abends, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet und mich der Bus etwas außerhalb Cochabambas vor meiner Wohnungstür ausspuckt, kann ich die vielen Stimmen und Geschichten aus dem Radio, von neuen Kollegen, Freunden und dem Straßenleben in mir nachklingen hören. Sie machen mich froh und erlauben es mir, neue Perspektiven einzunehmen.

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(Artikel erschienen am 07.09.2016 auf www.dw.com)

Saskia gewinnt viele Einblicke in die Radioproduktion