Vom Freiwilligendienstzum Gedichtband

Anna war von September 2024 bis Februar 2025 mit kulturweit-Outgoing als Freiwillige am Goethe-Institut Ho-Chi-Minh-Stadt. Während ihrer Zeit in Vietnam hat sie die Grafikdesignerin und Künstlerin Hien Nguyen kennengelernt. Aus der Begegnung wurde ein Austausch, aus dem eine gemeinsame Publikation entstanden ist: der illustrierte Gedichtband „Tracing Ripples“. Im Interview haben die beiden uns erzählt, wie das passiert ist und worum es im Buch geht.

Audio: Tracing Ripples Interview (English)
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Anna, du warst mit kulturweit ein halbes Jahr in Vietnam und hast dich freiwillig am Goethe-Institut Ho-Chi-Minh-Stadt engagiert. Was hast du in der Zeit erlebt und wie hat es dich geprägt?

Anna: Rückblickend war meine Zeit dort geprägt vom Ausprobieren, Reflektieren und neuem Ausrichten. Es war eine tolle Chance, dieses Land so intensiv kennenzulernen; ein Schritt, den ich ohne die Anbindung ans Goethe-Institut und kulturweit so nicht gewagt hätte. Die Zeit in Vietnam hat mir auch eine große Leichtigkeit gegeben, Dinge auszuprobieren. Diese Gelöstheit kam auch daher, dass ich von heimatlichen Erwartungen ein Stück weit entfernt war – schon allein durch den Zeitunterschied zu Europa – und gleichzeitig von gesellschaftlichen Normen in Vietnam, da mir als Europäerin zum Beispiel keine typischen Erwartungshaltungen an Frauen gestellt wurden. Gleichzeitig hat mich diese Gelöstheit auch mit Einsamkeit in Kontakt gebracht und ich habe gelernt, mit dem Gefühl umzugehen, weniger sozialen Kontakt zu haben, als gewohnt. Das war durch die Sprachbarriere bedingt und zeigt mir heute, dass man gestärkt aus solchen Phasen hervorgehen kann. Durch meinen Aufenthalt habe ich Mut zur Veränderung und Ungewissheit gewonnen und das hilft mir auch heute sehr.

Besonders spannend war für mich zu sehen, wie sich mein Bachelorfach Social Sciences in ganz anderen kulturellen Kontexten ausprägt. Dabei hat mich vieles tief geprägt: das ganz andere politische Interesse meiner Schüler*innen im Vergleich zu meiner eigenen Schulzeit, aber auch negative Wahrnehmungen gegenüber ethnischen Minderheiten und der Landbevölkerung. Die Arbeit des Fotografen Réhahn sowie mein Besuch in den Bergen Nordvietnams haben mich besonders durchgeschüttelt. Dass diese Erfahrung am Ende meines Aufenthalts stand, macht den Gedanken, mich dem langfristig zu widmen, bis heute sehr präsent. Gleichzeitig habe ich größere Wertschätzung für die EU gewonnen und einen neuen Willen in mir entdeckt, mich für dieses idealistische Projekt einzusetzen.

All diese Erfahrungen haben auch mein Buch geprägt und sind zentral für meine Erinnerung an diesen Aufenthalt geworden. Am Ende meines Aufenthalts meinen Schüler*innen das Projekt vorzustellen und Gedichte vorzutragen, hat mich tief berührt, denn einige haben geweint, weil sie sich in den Texten wiedergefunden haben. Gleichzeitig hatte ich zunächst Sorge, als Außenstehende über meine Erfahrungen in Vietnam zu schreiben. Doch die Kraft und das Verbindende der Kunst habe ich dabei neu verstanden. So wurde die Kunst zu etwas, das ich heute weiterverfolge – im Buch, in einer wöchentlichen Schreibgruppe und zunehmend auch in interdisziplinären Theater- und Musikprojekten. Man kann selbst die Veränderung anstoßen, die man sehen möchte.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Und wie ist die Idee entstanden, gemeinsam an einem Buch zu arbeiten?

Hien: Anna und ich haben uns 2024 bei meiner Seidenmalerei-Ausstellung kennengelernt.

Anna: Eine Bekannte hat mich zu der Seidenmalerei-Ausstellung mitgenommen. In diesem Raum voller Bilder haben mich drei besonders angesprochen durch ihre Balance zwischen Traum und Realität. Es waren Werke von Hien. Hien drückt mit dem Pinsel teils das aus, was ich in Worten zu fassen versuche.

Hien: Damals kaufte sie einige meiner Postkarten. Später fingen wir an, uns in einem Café zu treffen und haben uns meist über Malerei unterhalten. Mit der Zeit wurden unsere Treffen persönlicher, die Gespräche drehten sich um vietnamesische Kultur und Essen. Als sie herausfand, dass ich Gedichte liebe, erzählte sie, dass sie auch Dichterin sei. Sie fragte, ob ich ein paar Seiten für ihre Gedichte illustrieren würde. Eine gute Idee, dachte ich. Poesie taucht überall auf eine subtile Art auf, in Musik, Filmen oder auch im Alltagstrubel. Die abstrakte Natur der Poesie in ein passendes Bild zu verwandeln, ist jedoch eine ziemliche schwierige Aufgabe. Aber ich liebe Herausforderungen. So kamen wir auf die Idee für das Buch.

Anna: Ich schreibe schon seit sechs Jahren, und der Gedanke, Gedichte zugänglicher zu machen, ist lange in mir gewachsen. Mir war klar, dass ein Buch oder gemeinsames Projekt mehr sein sollte als nur eine Sammlung von Gedichten, es sollte eine Entwicklung zeigen und eine tiefere Bedeutung tragen. In Hiens Bildsprache habe ich genau das gesehen. Ich bin sehr dankbar, dass sie Ja zur ersten Illustration gesagt hat und dann zu vielen weiteren.

Worum geht es in Tracing Ripples und wie war die Zusammenarbeit für euch?

Anna: Das Buch bewegt sich in drei Zyklen, die den „Ripples“ folgen – den Wellen, die Gedanken, Begegnungen und Orte in uns auslösen. Kapitel 1 ist ein „Sturm im eigenen Kopf“: Es geht um Selbstreflexion, das Ringen mit Emotionen und Gedanken, hin zu Selbsterkenntnis und innerer Ruhe. Kapitel 2 wandert aus dem eigenen Kopf heraus in die Interaktion mit anderen Köpfen, Herzen und allem, was Menschen ausmacht. Hier zeichnet sich eine Entwicklung ab: von Trauer hin zu neuer Annäherung, Nähe und bewusstem Abschiednehmen. Im dritten Kapitel schließlich geht es um den größeren Kontext, also die Natur, bestimmte Orte und das Umfeld, das uns prägt. Die Gedichte sind sowohl zeitlich als auch örtlich verankert, sodass sie ein Gefühl von Raum und Moment vermitteln.

Hien: Meiner Beobachtung nach strahlen manche Menschen eine gewisse Wärme aus, während andere auf mich kühl wirken. Dabei geht es nicht um sie, sondern um meine persönliche Erfahrung und wie ich die Welt sehe, jenseits von gut oder schlecht, richtig oder falsch. Daher habe ich grün und orange als kontrastreiches Farbthema für das Buch gewählt. Die Farben stehen für Wärme und Kälte, für die Sonne, die im Morgengrauen über einem Reisfeld aufgeht, oder für ihr Spiegelbild auf dem Fluss bei Sonnenuntergang. Für mich enthält Poesie eine Art romantische Wärme, die sich auch in den Bildern zeigen sollte. Deswegen versuche ich in jeder Zeichnung einen Hauch von Orange als bewussten Wärmeakzent zu integrieren. 

Während Annas Zeit in Saigon trafen wir uns manchmal, um über das Buch zu sprechen; von seinem Aufbau über die Gestaltung bis hin zu kleineren Details. Manchmal diskutierten wir bis Mitternacht, wenn das Café schließen wollte. Als ich auf dem Tisch Wasserflecken entdeckte, die kreisförmige Muster bildeten, entstand die Idee für den Buchtitel. Nachdem Anna nach Deutschland zurückgekehrt war, setzten wir unsere Treffen trotz der unterschiedlichen Zeitzonen online fort. Es war eine sehr schöne Zeit.

Während der Arbeit an diesem Buch habe ich gemerkt, wie faszinierend ich Grauzonen finde. Ich sagte Anna, sie solle mir nicht dabei helfen, ihre deutschen Texte ins Englische zu übersetzen. Ich wollte Google Translate nutzen, weil ich glaube, dass bestimmte Missverständnisse meine Fantasie viel mehr unterstützen können als eine klar erzählte Geschichte oder Übersetzung. Ich habe Anna nach den Hintergründen einiger Gedichte gefragt, um herauszufinden, in welcher Stimmung sie beim Verfassen war. Außerdem habe ich auf meine eigenen Erfahrungen zurückgegriffen: das Bild von aufeinander gestapelten Steinen als stilles Gebet für den Frieden während meiner Trekkingtour in Nepal; Blumen mit Augen, die die Momente widerspiegeln, in denen ich auf mich selbst und meine Beziehungen zurückblickte; oder ein Ameisenschwarm. der Honig aus den Haaren einer Frau frisst, was süße, aber süchtig machende Gedanken symbolisiert. Ich glaube, die Schönheit dieses Buches liegt in den großen Unterschieden zwischen Anna und mir – in unserer Kultur, unserer Bildung, unserem Umfeld und unseren Lebenserfahrungen. Die Sprache und Philosophie einer Europäerin werden durch die Bilder und den Lebensweg einer Asiatin neu interpretiert, die vollständig in Vietnam geboren und aufgewachsen ist. Während ich malte, überarbeitete Anna einige Formulierungen, um sie an die Geschichten anzupassen, die ich mir für meine Kunst vorstellte. Manchmal passte ich meine Bilder auch anhand ihrer Eingebungen an. Wir waren in einem perfekten Einklang.

Anna: Während des Prozesses haben wir schnell gemerkt, dass wir den Gedichten mehr Raum zum Atmen geben wollten. Manche Gedichte erstrecken sich bewusst über mehrere Seiten, sodass auf jeder Seite nur wenige Zeilen stehen. Dadurch kann auch die Gestaltung mehr wirken, und Leser*innen können die Texte in Ruhe genießen. Es ist ein Tanz zwischen den Ausdrucksformen – Wort und Bild –, den wir immer weiter ausprobieren wollen. Zum Beispiel plane ich, meine Erfahrungen aus Poetry Slam für die Vertonung des Hörbuchs zu nutzen, während Hien Installationen für Ausstellungen oder Lesungen schafft. Das Buch ist für uns also nicht nur fürs Regal gemacht, sondern zum Erleben.

Was wünscht ihr euch, was sollen Leser*innen aus dem Buch mitnehmen?

Anna: Anfangs habe ich gesagt: Wenn nur ein Gedicht in dem Buch einen Menschen berührt und ihm das Gefühl gibt, mit dem, was er in sich spürt, nicht allein zu sein, bin ich schon zufrieden. Inzwischen gibt es diese positiven Rückmeldungen, und jedes Mal freue ich mich, als wäre es das erste Mal. Ich hoffe, dass das Buch Menschen Mut gibt, sich selbst zu zeigen in all ihren Facetten, Dinge auszuprobieren und sich auf das einzulassen, was um sie herum passiert.

Ich wünsche mir außerdem, dass es Menschen den Mut gibt, ihre innere Kreativität auszudrücken. Jede Begegnung, jeder Gedanke, jeder Moment der Selbstreflexion erzeugt Wellen, egal ob kleine oder große, und aus diesen Wellen kann etwas Wunderschönes entstehen.

Hien: In dem Jahr unserer Zusammenarbeit unternahm ich eine Solo-Motorradtour nach Ha Giang und regte Anna später auch zu so einer Reise an. Je mehr ich verreise, desto mehr schätze ich das Gefühl, in einem fremden Land zu sein und mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch zu kommen. Durch diese Begegnungen verbinden wir uns mit anderen mit unseren Geschichten und unterschiedlichen Perspektiven. Würde ich einfach nur an einem Ort bleiben, käme mir meine Welt unglaublich klein und langweilig vor. Im dritten Kapitel des Buches stellen wir Orte vor, die Anna bereist hat und über die sie geschrieben hat. Junge Menschen sollten mehr reisen, um zu sehen, wie die Welt wirklich ist, und um ihre Ängste loszulassen.

Was ich noch sagen möchte, ist, dass das Lesen von Gedichten oder das Nachdenken über die eigene innere Welt heutzutage häufig als Zeitverschwendung betrachtet werden. Aber wenn diese Momente mit der Gesamtzeit eines Lebens verglichen werden, erkennt man, wie kostbar und bedeutsam sie wirklich sind.

 

Folge den beiden bei Instagram @annafuchswrites & @hiennguyenlilo oder schau dir das Buch direkt unter @tracing_ripples an. 

  • Anna wird auf der Leipziger Buchmesse interviewt

    Anna auf der Leipziger Buchmesse

  • Zwei Exemplare des Buches Tracing Ripples

    Buchcover Tracing Ripples

  • Hien sitzt auf einem Stein vor einem Berg

    Grafikdesignerin und Künstlerin Hien Nguyen

  • Fünf Illustrationen in beige und grauen Farbtönen

    Illustrationen von Hien für Tracing Ripples