Nema Problema - Osteuropa!

Seit dem ersten »kulturweit«-Seminar begleitet die Trainerin Sandra Topalovski Freiwillige, die nach Mittel-, Südost- und Osteuropa (MSOE) gehen. Die Region ist mit 20 Prozent aller Einsatzstellen eine Schwerpunktregion von »kulturweit«. Die Trainerin aus Serbien gibt einen Einblick in ‚ihre’ Länder, über die trotz der geografischen Nähe oft nur wenig bekannt ist.

 

Osteuropa? "Nema Problema!"

Die Trainerin Sandra Topalovski mit "ihren" Freiwilligen beim Vorbereitungsseminar im September 2010

Oh nein! Ich habe nur noch 30 Minuten bis der nächste Workshop beginnt! Ich muss noch mal das Konzept anschauen, das Flipchart aufbauen, eine Karte der Region Mittel-, Südost- und Osteuropa (MSOE) aufhängen und eine kleine Buchauswahl mit spannender Lektüre zu dem Gebiet auslegen. Immer das Gleiche: hätte ich in der Mittagspause lieber nicht mit den Freiwilligen gequatscht und kein Frisbee gespielt, sondern das Programm für den Regionentag noch mal angeschaut, dann sähe mein Zeitplan jetzt anders aus. Aber – Nema Problema!

Hm, Mittel-, Ost- und Südosteuropa... Seit einem Jahr bin ich nun als »kulturweit« Trainerin tätig, habe Vorbereitungs-, Zwischen- und Nachbereitungsseminare betreut und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: Wie kann ich den Freiwilligen die Region, aus der ich stamme, interessant und spannend vorstellen? Glücklicherweise kann ich bei der Antwort inzwischen auch die Erfahrungen von ehemaligen Freiwilligen nutzen, die bereits einen »kulturweit«-Freiwilligendienst in den Ländern gemacht haben. Sie berichten den neuen Freiwilligen immer wieder begeistert von ihrer Zeit in Polen, Ungarn oder Bulgarien. Erzählen, wie spannend es ist, eine Region zu erleben, die gerade dabei ist, ihren Platz in einem zusammenwachsenden Europa zu finden. Denn eines ist sicher: langweilig und einfältig ist diese Region nicht! Ein Schauplatz von Konflikten, Kriegen und ethnischen Unruhen, ein Knotenpunkt von kulturellen und religiösen Einflüssen, eine Mischung aus Humor und Tragik. Hier prallen Lebensfreu(n)de, Verzweiflung und Leidenschaft der Menschen und Ländern aufeinander und lassen so keinen Gast gleichgültig.

Trotzdem ist "Nema Problema" (kein Problem) der erste Satz, den man sich bei einem Besuch der Region merken sollte. In dem Satz steckt viel mehr als zwei Wörter – es ist eine ganze Lebensweisheit. Sollte man Fragen oder Sorgen haben, ist die erste Antwort drauf: "Nema Problema!" und alles wird schon irgendwie geregelt (auch wenn man in dem Moment keinen blassen Schimmer hat wie). Und dann, überraschenderweise, vielleicht weil dieses Mantra so oft in den Himmel geschickt wird, klappen die Sachen letztendlich tatsächlich.

Auf dem Vorbereitungsseminar erkläre ich den neuen Freiwilligen zudem, dass sie keine Angst haben müssen, wenn sie als Gast erst nach drei Fleischtellern und dem ein oder anderen Rakija nach Hause gehen dürfen. Am liebsten würde ich gleich noch eine Tanzstunde zu osteuropäischer Musik einschieben, damit sie sich schon mal auf die Beats einstimmen können, die ihre Seele schütteln und sie mitreißen, vom Stuhl zu springen und verrückt tanzen lassen. Und auf keinen Fall vergesse ich zu erwähnen, dass es "Nema Stress" ist, wenn Busse und Züge nicht unbedingt (rechtzeitig) ein- oder abfahren. Und dass sich "Kaffee trinken" und "Ausgehen" als erfolgreichste Kennenlern-Methoden herausgestellt haben. Und dass man hier weniger diskutiert und einfach mehr tut. Und dass Improvisation angesagt ist, wenn etwas nicht funktioniert. Und auf jeden Fall spreche ich noch den Humor an, denn egal wie es läuft, kann man immer einen Grund finden, über sich selbst zu lachen und dadurch die Situation in einem anderen Licht sehen. Und dass sie einfach auf ihr Bauchgefühl hören und sich auf die Menschen offen einlassen müssen, wenn sie für sich etwas mitnehmen möchten... Und und und...

Immer wieder merke ich, dass ich eigentlich keine leichte Aufgabe habe. Zum einen, weil Mittel-, Ost- und Südosteuropa in Westeuropa mit vielen Klischees belegt ist. Zum anderen, weil diese unglaublich vielfältige Region auch wirklich sehr schwer zu verstehen ist. Zum Glück muss man das aber auch gar nicht - vielmehr sollen sich die Freiwilligen auf diese verrückte, verdrehte Welt einlassen und sie mit ganzem Herzen und allen Sinnen spüren und erleben. Und erst dann wird´s "Nema Problema!"

Sandra Topalovski

 

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