Musikprojekt in Istanbul

Vom Schildchen zum gemeinsamen Projekt

Gruppe: „Naher Osten“ – So stand es jedenfalls auf unseren kleinen »kulturweit«-Schildchen, die wir 2009 auf dem Vorbereitungsseminar am Werbellinsee trugen. Auf dem Einen war zu lesen: Hasan Alatas, Goethe-Institut Istanbul, Türkei, Naher Osten. Auf dem Anderen: Clemens Rengier, Schmidt-Schule, Ost-Jerusalem, Naher Osten.

Das Quartett mit den beiden »kulturweit«-Freiwilligen Clemens Rengier und Hasan Alatas

Zu dem Zeitpunkt waren es nur Namen und Regionen, die aufgedruckt für alle 200 Freiwilligen zu erkennen waren. Keiner von uns beiden hätte auch nur ansatzweise mit dem Gedanken gespielt, dass unsere Begegnung in dieser „Naher Osten“-Vorbereitungsgruppe das Jahr des jeweils anderen so nachhaltig beeinflussen, ja vielmehr als das, bereichern würde.

Nach dem Aufbruch in unsere jeweiligen Einsatzstellen haben wir regelmäßig E-Mails ausgetauscht, uns gegenseitig von größeren und kleineren Erlebnissen berichtet und uns somit noch besser kennen gelernt. Hieraus entstand auch bald die Idee, uns gegenseitig zu besuchen. Wenn man einander schon so „nah im Osten“ ist, so unserer Gedanke, ist es auch wichtig, sich die Arbeit des Anderen aus nächster Nähe anschauen zu können.

Im Frühling brach ich, Hasan, schließlich zu einer einwöchigen Reise nach Ost-Jerusalem auf. Dort angekommen lernte ich den palästinensischen Mädchenchor der Schmidt-Schule kennen. Ich erfuhr, dass Clemens diesen nicht nur als musikalische Arbeitsgemeinschaft neben dem Schulalltag aufgebaut hatte. Vielmehr reist er mit diesem Chor auch in andere Städte. Sehr große Beachtung fanden die Konzerte, die der Schulchor in palästinensischen Flüchtlingslagern veranstaltet hatte.

Spontanes Straßenkonzert auf der "Istiklal Caddesi" in Istanbul

Fasziniert von der Energie, die Clemens und sein Mädchenchor ausstrahlte, wuchs meine Begeisterung um einen weiteren musikalischen Grad, als ich dem Cello-Quartett vorgestellt wurde. Dieses besteht neben Clemens aus drei Volontären anderer Organisationen und gibt, wie der Mädchenchor auch, im ganzen Land Auftritte. Aber warum nicht auch Konzerte über Ländergrenzen hinaus tragen, warum nicht noch kulturweiter?

Meinen Rucksack voller Eindrücke und Neuigkeiten begab ich mich zurück zu meiner Einsatzstelle ins Goethe-Institut Istanbul. Dort schlug ich vor, das Cello-Quartett um Clemens nach Istanbul einzuladen. Diese Idee stieß auf großes Interesse, doch mussten zunächst die finanziellen Aspekte geplant und der Aufenthalt organisiert werden. Zusammen mit meiner Leiterin begann ich mehr und mehr an der Umsetzung zu feilen.

Nachdem wir anfänglich fast unüberwindbar scheinende administrative Hürden genommen hatten, stand einem Konzert des Cello-Quartetts im deutschen Generalkonsulat Istanbul nichts mehr im Weg. In einem nostalgisch-klassischen Raum konnten sich selbst die Fürsten, die von ihren Gemälden in den Raum herabblickten, an klassischen Stücken von Dmitri Shostakovich wie auch an modernen Stücken der "Beatles" erfreuen.

Durch weitere Bemühungen konnten wir noch zusätzliche Konzerte in Istanbul arrangieren. So durfte das Quartett im prachtvollen Garten des Generalkonsulats die vielen Gäste, die für die Stipendienübergabe des Deutsche Akademischen Austausch Dienstes kamen, begeistern. Schließlich trat die Gruppe sogar im Rahmen der „Kulturhauptstadt Istanbul 2010“ auf einer großen Bühne am Galata-Turm mitten im Zentrum Istanbuls auf und stieß hier auf ein begeistertes Publikum. Durch diesen Erfolg beflügelt gab das Quartet anschließend eine spontane Einlage als Straßenmusiker auf der "Istiklal Caddesi", der „Unabhängigkeitsstraße“ und wohl bekanntesten Einkaufsstraße Istanbuls.

Diese fünf Tage waren für uns beide eine großartige und wunderbare Zeit, denn wir konnten nach viel Vorlaufzeit und Mühe die Früchte unserer Arbeit ernten und das Ergebnis mit großer Freude genießen. Jeder hat seinen ganz persönlichen Beitrag zu diesem musikalischen Istanbul-Ost-Jerusalem-Projekt beigesteuert. Für uns ist dies mit Abstand eines der einprägsamsten Erlebnisse während unseres zwölfmonatigen Freiwilligendienstes mit »kulturweit«.

Mit einem guten und erfüllten Gefühl blicken wir zurück auf den Weg vom Schildchen über das Projekt hin zu einer engen Freundschaft.

Clemens Rengier und Hasan Alataş