Engagement Ehemaliger

Rückblick zum Aufbruch - Engagement Ehemaliger

Ein Freiwilligendienst im Ausland endet nicht mit der Rückkehr. Die Erfahrungen im Gastland begleiten die RückkehrerInnen ein Leben lang und beeinflussen oft den weiteren Lebensweg. Im März kamen die ersten  »kulturweit«-Freiwilligen nach Deutschland zurück, viele engagieren sich weiter mit »kulturweit« oder eigeninitiativ. Ein Interview mit dem Rückkehrer Thomas Leitermann.

 

Wie hat sich deine Rückkehr/Wiedereingliederung in Deutschland/zu Hause gestaltet?

Meine Rückkehr nach Deutschland, nach meinem 6-monatigen FSJ in Argentinien, Ende Februar ging so schnell, dass ich mich kaum darauf einstellen konnte. Natürlich gab es viele Dinge, auf die ich mich schon seit den letzten Wochen und Monaten im Einsatzland gefreut hatte, vor allem Freunde und Familie wiederzusehen, aber auch so eigentlich ganz banale Dinge, wie z.B. ein belegtes Körner-Brötchen. Nachdem ich wieder in Deutschland war, haben sich einige Dinge, auf die ich mich gefreut hatte, sofort „erfüllt“ (das Brötchen gab’s direkt am Flughafen). Andere Dinge brauchten ihre Zeit. Nachdem ich etliche Wochen und Monate in einer ganz anderen Kultur gelebt hatte, war es nicht einfach, mich wieder an die deutsche Kultur zu gewöhnen. Man vermisst Vieles aus der Kultur des Gastlands (Gelassenheit, Freundlichkeit, Zeit füreinander, ständig frisches Obst, Mate-Tee) und wünscht sich in manchen Momenten wieder zurück. Genau so, wie man sich freut, wieder „daheim“ zu sein, in der vertrauten Umgebung, bei vertrauten Menschen… Es ist ein unglaublich komplexer Prozess, den man erlebt, den man aber beim Durchleben selbst gar nicht so wahrnimmt, sondern erst mit einigem Abstand erkennt… verblüffend eigentlich!

 

Thomas Leitermann bei seinem Zwischenseminar in Villa Bergano, Argentinien, Dezember 2009

Wie hat sich dein Bild, deine Perspektive auf Deutschland verändert?

Puhh…das ist eine doch sehr weit ausholende Frage… Ich möchte mich mal auf wenige Dinge konzentrieren, sonst wird das hier zu lang… Was sich vor allem verändert hat, ist die Perspektive auf so unglaublich viele Dinge, die wir -mich eingeschlossen- in Deutschland als „völlig normal“ bezeichnen. Das sind Dinge, die uns täglich begegnen, wie z.B. geteerte Straßen, aber auch Dinge, die das Miteinander der Gesellschaft betreffen, z.B. Stichwort Sozialstaat, oder noch wichtiger, die Unabhängigkeit unserer Demokratie von Geld, Kungelei und Einflussnahme. Für einen Deutschen sind all diese Dinge völlig normal, man könnte annehmen, sie weltweit anzutreffen – und wenn man dann tatsächlich den Blick über den Tellerrand hinaus wagt, stellt man plötzlich fest, wie „gut“ es einem in Deutschland geht. Hier wiederum schließt sich etwas an, das mir auch nach meiner Rückkehr aufgefallen ist: Wie stark konzentriert der Fokus Deutschlands und seiner Bewohner auf Europa, Nordamerika und vielleicht gerade noch ein bisschen auf Asien gerichtet ist. Denn Afrika und Südamerika „kennt“ man zwar durch stereotypische Bilder aus den Medien, aber wirklich Ahnung von Leben und Kultur der BewohnerInnen dieser Erdteile hat man nicht. Ich musste z.B. sehr oft erklären, wo meine Einsatzstelle liegt oder wie sich der südamerikanische Kontinent darstellt… Hier ist es dringend Zeit den Blick zu weiten. Das habe ich gemerkt und das möchte ich ändern.

 

In wie weit hat der Freiwilligendienst deinen weiteren Werdegang beeinflusst?

Meinen eigenen weiteren Werdegang hat »kulturweit» wohl mehr beeinflusst als ein Großteil meiner Schulzeit! Denn was ich an Erfahrungen mit Anderen, aber auch mit mir selbst, er-, und manchmal auch durchlebt habe, ist so ziemlich das Tollste, was ich bisher in meinem Leben erleben durfte. So viele Freundschaften, egal ob mit Personen, Ländern oder Kulturen durfte ich schließen, so viele Erfahrungen sammeln – davon kann man sehr sehr lange zehren. Ich persönlich habe jedenfalls definitiv festgelegt, auf welchem Weg auch immer wieder nach Argentinien zu kommen, am besten so schnell wie möglich mit einem Auslandssemester. Aber ich habe auch gemerkt, dass meine Neugier auf neue, fremde, andere Kulturen und Länder eher noch mehr geweckt, als gestillt wurde.


RückkehrerInnenarbeit ganz konkret: Thomas Leitermann am »kulturweit«-Stand beim Ökumenischen Kirchentag in München

Was hast du dir aus Argentinien mitgebracht, was bleibt?

Ganz materiell: Viel Mate-Tee (das Nationalgetränk der Argentinier), viele andere leckere Spezialitäten, ganz ganz viele tolle Fotos, die bald meine WG schmücken, Souvenirs in Hülle und Fülle.

Ganz ideell: Die Vorfreude auf ein gutes argentinisches Asado, viele intensive Erinnerungen und Gedanken, die Vorfreude auf meine Rückkehr, tiefste Zufriedenheit mit meiner Entscheidung mich bei »kulturweit« beworben zu haben und auch ein bisschen ein „anderer Thomas“ zu sein, als der, der im September 2009 nach Argentinien geflogen ist…

 

In wie weit wirst du dich in Zukunft ehrenamtlich engagieren (für »kulturweit« und darüber hinaus)?

Für »kulturweit« will und werde ich mich auf jeden Fall weiterhin engagieren, da ich dafür sorgen möchte, dass andere Jugendliche auch die Chance bekommen, so etwas Unvergleichliches zu erleben, was ich im Rahmen des »kulturweit«-Programms erleben durfte. Zum anderen habe ich über und bei »kulturweit« viele Freunde gefunden, die durch mein Engagement z.B. in der Alumniarbeit bei »kulturweit« garantiert nicht aus den Augen verlieren werde, auch wenn diese wohl später alle in ihrem Einsatzland leben werden, so gut wie es ihnen dort gefällt. (lacht)

Danke für das Interview!

 

zurück zur Übersicht "Newsletter Juni 2010"

zurück zur Startseite