Am 31.08.2009 brach Valentin Schmehl in sein "neues Leben" in die Westbank auf. Über seine Tätigkeit als Lehrer, sein Leben als Gastsohn in einer arabischen Familie und die Komplexität der Region gibt es vieles zu berichten.
Die Welt ist bunt und der Nahe Osten ist es auch - Satt bin ich noch lange nicht!
Die Hälfte des interkulturellen Kuchens ist gegessen. Satt bin ich noch lange nicht, und das Verdauen wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Nunmehr bald fünf Monate schon lebe ich ein neues Leben hier in der Westbank, genauer gesagt in Bethlehem. Meine »kulturweit«-Einsatzstelle ist die Talitha Kumi School, eine private, kirchlich getragene PASCH-Schule auf dem Bergkamm Beit Jalas, Bethlehems vorwiegend christlichem Nebenort.
Die Schule blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück: Sie nahm ihren Anfang in Jerusalem und ist mittlerweile eine in der gesamten Westbank sehr bekannte und angesehene Bildungseinrichtung. Das Besondere an ihr ist ihre Lage: Wir müssen durch ein Tor, welches sich auf den palästinensisch „vollautonomen“ (der Begriff ist leider mit Vorsicht zu genießen) A-Sektor auftut, und einem, dem israelisch kontrollierten C-Sektor hingewandten Tor, das quasi unseren „eigenen Checkpoint“ bildet.
Das der Schule angeschlossene Guesthouse ist eine wichtige Einnahmequelle für die Bildungsinstitution und bietet Israelo-Plästinensischen Seminargruppen, z.B. NGO's, einen seltenen Treffpunkt in dieser politischen Komplexität des Nah-Ost-Konflikts.
Die Schule hat verschiedene Sektionen, in den wir Volontäre tätig sind. Meine Arbeitsbereiche sind:
- Das Mädchen-Internat – größtenteils für Mädchen mit schwierigem Familienhintergrund eingerichtet. Jeden Arbeitstag mache ich dort die Hausaufgabenbetreuung und jeden Sonntag haben wir eine Bastelwerkstatt, mit deren Produktion sich das Internat einen kleinen Nebenverdienst erwerben möchte.
- Die Schule – ich bin im DAF-Bereich eingesetzt und assistiere bei Klassenjahrgängen 2-11. In einigen Gruppen führe ich parallel zum Unterricht Nachholunterricht oder mache Einzelbetreuung wie bei Lara, einer blinden Schülerin. Es ist eine höchst spannende Arbeit, bei der man sich viel einsetzen muss und einiges von seinen Schülerinnen zurückbekommt.
Die arabische Kultur tendiert zu viel Lautstärke und die Menschen hierzulande scheinen Schwierigkeiten damit zu haben, Ruhe oder Einsamkeit zu genießen. Auch in den Klassenräumen zeichnet sich das deutlich ab. Zudem ist die Bereitschaft zu Handgreiflichkeiten unter Jungs hier viel stärker akzeptiert als in Deutschland, was schon mal zu heftigen Auseinandersetzungen führen kann.
- Das Klavier – ich habe derzeit 11 Klavierschüler. Wir haben in Talitha ein groß angelegtes Musikprojekt mit Blasinstrumenten, Geigen und Flöten. Das schafft ein schönes Miteinander unter uns „Musikern“ der Schule. Zu Weihnachten führten wir gemeinsam mit unseren Schülerinnen ein Konzert auf.
- Theater-AG – in der deutschsprachigen Theater-AG bin ich mit einer deutschen Lehrerin mit dem Erarbeiten eines Stückes beschäftigt, das den Konflikt aus Sicht der Schüler zum Kirchentag 2011 in Deutschland auf die Bühne bringen soll. Die Schülerinnen sind motiviert, wir Leiter sind es auch!
-Mediation / Pausenbetreuung – parallel zu an unserer Schule angebotenen Mediationsschulung und Friedenserziehung, die von meiner „Zweitmentorin“ durchgeführt wird, mache ich mit einem palästinensischen Freund in der großen Pause mit den Klassen 4-6 ein Spielangebot, dass eine Alternative zum Sich-Schlagen bieten soll.
Die Arbeit ist also sehr vielfältig und spannend. In vollen Zügen wäre diese geniale Einsatzstelle zu genießen, wenn nicht die von oben herab sehr streng und in meiner subjektiven Sicht nicht sehr wohlwollende Behandlung uns Volontären gegenüber wäre. Denn das hat zunehmenden Druck und beständige Unsicherheit zur Folge. Wir haben alle unsere Wege gefunden, mit der Führungsweise umzugehen, doch ist das Leben mit einer Vielzahl einschränkender Regeln und dem ständigen Gedanken an gewollte Vollzeitkontrolle unseres Tuns nicht wirklich angenehm.
Mein Leben hier als Gastsohn einer muslimischen Großfamilie in „meiner neuen Stadt“ Bethlehem, in die ich mich sehr gut integriert fühle und durch kaum eine Straße gehen kann, ohne mindestens dreimal gegrüßt zu werden, ist sehr spannend. Wenn es die Zeit erlaubt, folge ich den tausenden Einladungen in verschiedene Städte oder nehme an zahlreichen, interessanten Projekten von NGO's, Locals oder Eigeninitiative teil.
Fast jeder Tag hält etwas Neues, Lehrreiches bereit und nie kommt etwas so, wie es geplant war. Die erste Lehre, die ich hier aus Palästina ziehen musste, war, dass man Pläne gerne als Anfangsantrieb nutzen kann, sich aber eh hierzulande schnell von ihnen verabschieden muss, alles versinkt im Chaos und wird am Ende doch wieder gut, irgendwie. Spontanität ist doch durchaus eine lobenswerte Tugend.
Was das Leben im Konflikt betrifft, wurden hierbei marginal vorhandene Vorstellungen aus dem „Vorher“ 100fach überholt und auf den Kopf gestellt. Es ist ein Scherbenpuzzle aus Millionen Facetten, wohl so viele, wie es einzelne Geschichten und Schicksale gibt, die davon betroffen sind. Jede Woche ergibt sich eine neue, jede neue Stadt und jedes Dorf bringt seine eigene Situation mit. Man ist eingeschränkt, man erlebt Hass und Gewalt. Mein Gemüt ist beschwert durch Ungerechtigkeit und Vorurteile.
Mein eindrücklichstes Erlebnis – da muss ich passen. Ich könnte mich nicht entscheiden, ob es nun das schreckliche Hebron mit seiner Siedlungssituation und dem kleinen Moain ist, der dort direkt neben glasschmeißenden Ultraorthodoxen wohnt, ob es die unermesslich liebe Deutschland-flüchtige Holocaustüberlebende ist, die uns im besetzten Golan ein Heim geboten hat oder soll ich die enge Freundschaft, die meinen Gastbruder und meine anderen Freunde verbindet, angeben? Oder lieber von dem Wunder erzählen, das so eine arabische Stammwurzel mit sich bringt, wie viele Wörter man daraus machen kann und wie viel Tiefsinn dahinter steckt? Oder aber es ist die kleine Yasmin aus der 2b, die mich gemalt hat, mit einem Kreuz und einem Halbmond um den Hals, weil ich mal gesagt habe, dass ich alle Religionen toll finde, als ich danach gefragt wurde, „wozu ich gehöre“.
Die Welt ist bunt, und der Nahe Osten ist es auch. Jeden Tag stehe ich auf und erlebe neue Wunder, ringe um ein bisschen Zeit zum Nachdenken und komme kaum heraus aus dem Staunen.





