Jahresende weltweit

Max Wolf, Freiwilliger am Goethe-Institut in Dhaka, Bangladesh, berichtet, wie er Heiligabend in einem mehrheitlich muslimischen Land verbracht hat


Das Ende des Jahres in Bangladesh

Stell dir vor es ist das Ende des Jahres und niemand interessiert sich dafür. So war ich am 24. Dezember 2009 auch irgendwo im Nirgendwo auf der Rückkehr von Indien, wo mein Zwischenseminar stattfand, nach Dhaka, der Hauptstadt Bangladeshs. Die Bevölkerung Bangladeshs ist in ihrer Mehrheit muslimischen Glaubens, ansonsten gibt es viele Hindus und Buddhisten. Weihnachtsstimmung kam deshalb wohl fast nur bei mir auf, vor allem, da ich am Tag zuvor auf meinem Zwischenseminar noch Weihnachten vorgefeiert hatte. Mit Lagerfeuer, Schokoladenkuchen und zur Feier des Tages roten Zipfelmützen für alle.

Der Freiwillige Max Wolf mit roter Zipfelmütze am 24.12.2009 im Zug von Indien nach Bangladesh

Während hier also ein ganz normaler Arbeitstag zu Ende ging, rannte ich mit meiner Mütze auf dem Kopf einem Zug hinterher. Trotz drei Stunden Verspätung war da mein Anschlusszug; direkt vor meiner Nase! Einziger Schönheitsfehler: er fuhr schon. Deswegen die Rennerei, doch ich sprang auf und war auf einmal wieder im Fahrplan!
     
Nur eben am falschen Ende des Zuges. Ich lief durch die Waggons bis zu einem Koch- und Lagerwagen. Da der weitere Durchgang verschlossen war, dachte ich mir: offenes Feuer und Koch im Hintergrund ergibt doch sicher ein tolles Foto. Schüchtern fragte ich einen der Küchengehilfen ob er nicht… zu spät: schon wollte jeder ein Bild mit mir machen. Und nirgendwo war die Feuerstelle drauf, dafür jedoch auf jedem Foto die Mütze. Jeder meiner Mitfahrer wollte sie einmal aufsetzen, so dass ich sie ihnen nach unserem netten Gespräch zum Dank schenkte.

Als endlich der nächste Bahnhof kam, war es draußen längst dunkel. Ich stiege in den nächsten Waggon um und setzte mich. Draußen vor dem Fenster zog eine Lichterkette aus Autos, Häusern und Straßenlaternen vorbei. Zwar ohne Mütze, doch aus einem plötzlichen Anfall an Weihnachtsstimmung heraus, nervte ich meine Mitreisenden mit einem fröhlichen “Oh Tannenbaum”. Die indische Oma neben mir schmunzelte, der Schaffner warf mir einen kritischen Blick zu und irgendwo fing ein Kind an zu schreien. Zufrieden garnierte ich den eben servierten Curd-Reis mit etwas Salz und beobachtete wieder die Lichter.


 

Axel Waldbach, Freiwilliger am Informationszentrum des DAAD in GuangZhou, Südchina, berichtet über das blinkende Weihnachtsfest in seinem Einsazort


Weihnachten als Aufwärmrunde

Impression vom chinesischen Neujahrsfest, bei dem teilweise Symbole des Weihnachtsfestes übernommen werden

Südchina, Anfang Dezember, morgens um halb neun. Ich schlürfe noch etwas verschlafen in den Aufzug meines Hochhauses. Während ich mich noch nach vorne beuge, um den Knopf für das Erdgeschoss zu drücken, trete ich in etwas Weiches. Nun bin ich es inzwischen gewöhnt, morgens in die Reste der Fastfoodlieferungen des Vortages zu steigen oder hin und wieder auch über einzelne abgetragene Schuhe zu stolpern, die keiner zu vermissen scheint. Doch diesmal staune ich nicht schlecht, stehe ich doch auf einer roten Plüschweihnachtsmütze mit Goldglöcklein. Ich wundere mich, schließlich wurden religiöse Bräuche durch die kommunistische Führung massiv bekämpft und - da eine freie Religionsausübung für Chinesen bis heute nicht erlaubt ist - größtenteils erfolgreich verdrängt. Sollte ich etwa doch nicht der einzige Ausländer im Gebäude sein?

Immer noch etwas verwundert gehe ich in den Konsumtempel um die Ecke. Eigentlich wollte ich nur etwas zu essen einkaufen, doch auch hier werde ich überrascht: mit meinem Einkaufswagen kann ich gerade noch einem plötzlich hinter einer Ecke auftauchenden, den halben Gang versperrenden, etwa hüfthohen illuminierten Plastikrentier ausweichen. Dafür schramme ich aber am Sonderständer „X-MAS CHOCOLADE“ entlang, so dass einige Premium-Metalldosen scheppernd zu Boden fallen. Eine der stets allgegenwärtigen Kundenbetreuerinnen macht mir gestenreich klar, ich solle weitergehen, sie räume die Produkte wieder an ihren Platz. Ich will schon dankbar lächelnd meinen Einkauf fortsetzen, da drehe ich mich noch einmal um: Hat sie gerade wirklich eine Weihnachtsmütze getragen? Ja, hat sie, und alle anderen Mitarbeiter des Marktes tun es ebenso. Auch die grimmig dreinblickende ältere Dame an der Kasse, deren Gesichtsausdruck so gar nicht zu ihrer leuchtend roten Mütze und dem „Silent Night, Holy Night!“ im Hintergrund passen will.

Vor dem benachbarten Postbüro stehen nicht weniger als drei Plastiktannen, deren dünne Zweige mit allerhand verschiedenfarbigem Lametta und im Takt blinkenden Leuchtketten behängt sind. Ich flüchte in die Uni-Mensa, normalerweise ein Hort der Funktionalität, sicher vor jeder Art von Schmuck, Verzierung oder auch nur einem Hauch Gemütlichkeit. Doch ich muss schaudernd zwei überdimensionale, an der Wand prankende Pappglocken zur Kenntnis nehmen, von denen eine etwa zur Hälfte meiner Mahlzeit mit einem Knall wieder zu Boden fällt.

Weihnachten in China blinkt, leuchtet, knallt, schmeckt und spült Geld in die Kassen. Aber gefeiert wird es nicht - es wirkt eher wie eine Aufwärmrunde für das zwei Monate später stattfindende Chinesische Neujahrsfest.

 

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